Projekt mittelpunkt



NEU: Die eigene mittelpunkt-Website

1. Dezember 2011

Nun hat das Projekt mittelpunkt-Schreibwerkstätten seinen eigenen Internetauftritt! Nach langer Vorbereitungsphase, der Ausarbeitung der Gestaltung sowie der technischen Umsetzung ist die Website nun endlich fertig und steht im Netz.

Die Schreibgruppen aus ganz Deutschland stellen sich vor und werden künftig selbst immer wieder ihre neuen Texte dort veröffentlichen. Regelmäßiges Reinschauen lohnt sich also!

www.mittelpunktseite.de

 


„Warum schreiben Sie eigentlich mit Behinderten?“

Ein Bericht von Ingeborg Woitsch 

Texten an der Schreibmaschine Hermes Baby in einer Schreibwerkstatt

„Warum schreiben Sie eigentlich mit Behinderten? Die können doch viel besser Malen oder Theaterspielen!", fragt mich eine interessierte Zeitgenossin. – „Ja, das können sie auch gut", sage ich, „aber warum sollten sie nichts zu sagen haben?!".
Ich finde die Frage in ihrer Form wunderbar. Denn sie zeigt, dass die tatsächliche sprachliche und denkerische Hilflosigkeit doch bei uns liegt: Behinderte?!
Warum finden wir nur einen defizitären Begriff? Was hindert uns an einer breit gefächerten, differenzierten Wahrnehmung des Menschseins? An welchen Normen, Idealen und Klischees kleben wir da? Fatal wird es, weil sich dadurch die gesellschaftspolitische Einordnung dieser Mitmenschen bedenklich extrem verschiebt und manchmal zu einer Lebensgefährdung wird: Kreatur.

Aufweckend an dieser Stelle war und ist die Arbeit der Redaktion Ohrenkuss. Dieses Lifestyle-Magazin wird von Menschen mit Downsyndrom geschrieben. Sie schreiben in ihrer eigenen treffsicheren Sprache, aus ihrer erfrischend unverstellten Weltsicht. Ohrenkuss hat jetzt, zu seinem zehnjährigen Bestehen, sprechenderweise ein Wörterbuch! herausgegeben. Dieser Auftritt einer Redaktion von „Behinderten" mit ihrem Magazin, bei Lesungen und Aktionen hat ausdrücklich die früheren Vorstellungen, Menschen mit Down Syndrom können nicht lesen und schreiben oder denken, widerlegt.

Schreiben heißt, den inneren Wortmenschen sichtbar machen. Aufschreiben schafft, denkerisch-körperlich-sinnlich, Nähe zu sich selbst und zu anderen und zur Sprache in ihrer Kraft.

Schreiben ver/stärkt!

Ich schreibe mit Menschen, weil viele Menschen mit einer sogenannten geistigen Behinderung durchaus schreiben wollen und können. Weil sie es als bloße Werkstattarbeiter aber einfach wieder verlernen. Weil sie etwas zu sagen haben. Weil Schreiben verschiedene Formen haben kann: Aktiv selber Schreiben, Sagen, Vor- und Nachschreiben, unterstützt Schreiben, Diktieren, Mitschreiben.

Hatten Sie schon einmal das Erlebnis, dass Sie etwas denken und sagen, und ein anderen schreibt es mit, und sie hören oder lesen ihr Gesagtes dann wieder? Aufschreiben ver/stärkt! Was ich sage, bekommt plötzlich Gewicht, macht mich hellhörig für mich, wird gehört, hat Bedeutung auch für andere.

Wir haben seit Beginn 2007 elf mittelpunkt-Schreibwerkstätten (jeweils über 2-3 Tage) veranstaltet. Solche künstlerischen Schreibworkshops gab es bisher in der Dorfgemeinschaft Tennental, in Weckelweiler, in der Hermann Jülich Werkgemeinschaft, auf dem Richthof, dem Münzinghof, in der Camphill Dorfgemeinschaft Hausenhof, in der Lebensgemeinschaft Heydenmühle und in Grebinsrade.
Hier wurden Ideen-Landkarten geschrieben, Lieblingsworte gefunden, Elf-Worte-Gedichte gebaut, Short Stories in einem Satz geschrieben, Interviews gegeben, Wünsche ausgekostet und schreibend Wortwechsel geführt:

„Für mich, der ich erstmals an einem solchen Schreib-Workshop teilzunehmen Gelegenheit hatte, war es auch insofern ein besonderes Erlebnis, als dass ich richtiggehend überrascht und beglückt war über die Originalität und Treffsicherheit, die sprachlich-poetischen Ausdruckmöglichkeiten von Menschen, die ich zwar einerseits schon einige Jährchen ´kenne`, andererseits aber von dieser Seite noch nie zuvor kennen gelernt hatte. Es war wie das Finden eines Schatzes, ohne nach einem solchen zu suchen", schrieb Lars Rinas, Seminarleiter aus Weckelweiler im Nachklang des Schreibworkshops (Einblicke, Ausblicke Johanni 2008).

mittelpunkt heißen diese Schreibwerkstätten, weil wir sonst gemeinhin in Randgruppen denken und wir hier probeweise eine Umkehrung üben. Ziel dieser Schreibwerkstätten ist die Impulsierung einer Schreibgruppen-Bewegung an den LebensOrten sowie der Aufbau eines Netzwerkes an Teil-Redaktionen für unsere Zeitschrift PUNKT UND KREIS. Sie sind ein Bildungsangebot für die LebensOrte.

Schreiben ist Leben

Und in den Ausgaben, seit Johanni 2007, erscheinen seitdem die mittelpunkt-Seiten, jeweils vier Seiten in der Mitte des Heftes mit Textbeiträgen aus den mittelpunkt-Schreibwerkstätten bzw. Teil-Redaktionen. Es ging um Liebe und Freundschaft, Teilhabe und Bildung, es gab einen Interviewbrief mit einer Werkstatträtin, ein „Urlaubs"-Heft in Leichter Sprache, zu Michaeli wurde über Streit geschrieben. Im Weihnachtsheft 2008 von PUNKT UND KREIS fanden Sie einen anschaulichen Bericht vom 4. Kongress „In-der-Begegnung-leben" in Den Haag. Ostern 2009 ging es darum, was es heißt mit einer Behinderung zu leben. Und im Sommerheft 2009 behandeln auch die Mittelpunktseiten das große Thema „Essen - Ernährung".

In Zukunft sollen diese Texte auch auf einer Mittelpunkt-Website zu lesen sein.

Schreiben schreibt sich ein. Auch uns in uns selbst. Wir erfassen unser gelebtes Leben. Bio-grafie, das mir eingeschriebene Leben und das Leben, das ich selbst täglich weiterschreibe. Mit Schrecken habe ich vor Jahren festgestellt, dass meine jüngste Schwester, die mit einem Down Syndrom lebt, keinen geschriebenen Lebenslauf hat. Geschweige denn eine Biografie. Wer möchte nur mit einer Liste aus Einrichtungsdaten und Erkrankungen leben?

Im Aufschreiben gewinnen wir unser eigenes Leben – mit Stift und Papier.

Haben Sie Interesse am Projekt Mittelpunkt-Schreibwerkstätten?
Nehmen Sie gerne mit uns Kontakt auf!

 |  Seite per eMail  |  Kontakt  |  Impressum  |  © 2014 Bundesvereinigung Selbsthilfe im anthroposophischen Sozialwesen e.V.