Buchtipps



zum Thema: Biografisches


Wir übernehmen keine Gewähr für die einzelnen Angaben. Eventuell können aufgeführte Titel zwischenzeitlich vergriffen sein.

 


Biografiearbeit mit gesitig behinderten Menschen

-- Ein Praxisbuch für einzel- und Gruppenarbeit --
Autor: Christian Lindmeier

Juventa Verlag
Weinheim 2006
ISBN 978-3-7799-2055-7
EUR 16,50

Ein Buch, das anstößt, ein Lebensbild über eine Institutionsbiografie hinaus zu gestalten.

 


Keine heile Welt

Leben mit einem behinderten Kind
Autorin: Marianne Glaßer

Buchumschlag

Mabuse Verlag, Mai 2009
166 S., Kart., mit Farbfotos
ISBN 978-3-940529-30-5

Mathias lebt mit einer geistigen Behinderung. Was den Alltag zu einer besonderen Herausforderung werden lässt ist sein herausforderndes Verhalten.
Das Buch beginnt mit 17 kurzen Danksagungen, die bereits eine Essenz der biographischen Erlebnisse spiegeln.
Die ersten Kapitel schildern den langen medizinischen Weg durch den Ärzte- und Krankenhaus-Dschungel, die Voreingenommenheit des Personals gegenüber der Mutter und die Arroganz so mancher „Fachleute“ gegenüber ihrem subjektiven Wissen.
Im Alltag stellen die Unruhe, der ständige Bewegungsdrang und die fast unbeherrschbaren Wutausbrüche die Familie vor ganz besondere Herausforderungen. Frau Glaßer schildert diesen Alltag mit seinen glücklichen Momenten aber auch seinen großen Schwierigkeiten sehr eindrücklich.
Ohne professionelle pädagogische oder psychologische Hilfe hat sie einen verstehenden Zugang zur Welt ihres Sohnes und möchte ihm mit liebevoller Konsequenz und Sicherheit einen Rahmen geben, der ein Zusammenleben ermöglicht. Ihre Ansätze werden jedoch familienintern nicht nur kritisiert sondern sogar aktiv ausgehebelt.
Seitdem Mathias zwei Jahre alt ist, lebt die Mutter mit chronischen Magenschmerzen. Als er sechs Jahre alt ist wird sie wegen Depression stationär psychiatrisch behandelt. Immer wieder versucht sie Wege zu finden Mathias, seiner vier Jahre jüngeren Schwester und sich selber gerecht zu werden.
Als Mathias neun Jahre alt ist wird Frau Glaßer erneut in einer Psychiatrie stationär betreut. Nachdem im Vorfeld immer wieder von einer dauerhaften externen Unterbringung von Mathias Abstand genommen wurde, steht jetzt fest, dass die Chaostage der letzten neun Jahre so nicht mehr lebbar sind. Mathias zieht in ein Heim. Er macht Fortschritte. Viele Wochenenden und die Ferien verbringt er Zuhause.
12 Hochglanzfotos ergänzen das Erzählte.
Klar und eloquent, sachlich und ohne Selbstmitleid, zieht Frau Glaßer den Leser sofort in ihren Bann. Ein großartiges, ehrliches, von Anfang bis Ende spannendes biographisches Werk. Empfehlenswert für selbst betroffene Eltern, deren Angehörige und Freunde sowie professionell Tätige.
Auch als ergiebige Basis für ein Heilpädagogik- oder Psychologie-Semester sehr gut einsetzbar.
Dorothea Wolf-Stiegemeyer, Dipl. Heilpädagogin

 

Buch-Ansicht Ist Ihre Nase in der Mitte?

Pia Hediger
Ist Ihre Nase in der Mitte?
Lebenserinnerungen einer Heilpädagogin mit Behinderung

Verlag C. F. Portmann
ISBN 3-9523107-7-8
gebunden, 112 Seiten, Euro 19.20

"Ich habe viele behinderte Menschen kennen gelernt, darunter auch Körperbehinderte, interessante, prachtvolle Menschen, die ihr Leben gut meisterten und dabei nicht verbitterten. Es gab aber auch Menschen, die ihr Schicksal ausserordentlich schwer empfanden und mir vorhielten, ich könne nicht mitreden, da ich nicht auf einen Rollstuhl angewiesen sei. Mir scheint, die innere Zufriedenheit hängt nicht so sehr vom Grade der Behinderung ab, manchmal ist eine kleinere Behinderung viel schwerer zu ertragen als eine schwere." Pia Hediger, selbst schwer körperlich beeinträchtigt, wurde von Freunden und Bekannten dazu aufgefordert dieses Buch zu schreiben. Und wie gut, dass sie dieser Aufforderung gefolgt ist!
In ihren Lebenserinnerungen lernen wir viele Facetten ihrer Persönlichkeit kennen: Sie macht betroffen beim Schildern lebenstragischer Situationen und hinterlässt beim Leser trotzdem stets ein Lächeln, zum Beispiel wenn sie schildert, wie der Mutter im Kinderspital mitgeteilt wird, dass ihr Kind ein hoffnungsloser Fall sei. Oder Jahre später als Verwalterin der Mitarbeiterkasse ihrer Firma, wo sie schon am zweiten Tag von einem "jungen Kerl" verletzend bloss gestellt wird und sich bei ihm mit einer Ohreige revanchiert und so von Anfang an den Tarif bestimmt (wobei sie durchaus mit einer möglichen Entlassung rechnet). In einem anderen Fall lernen wir sie als vollendetes Schlitzohr in Paris kennen, wo sie beschliesst, einem Polizisten den weissen Stab, den "Flics" als Souvenier zu stehlen. Das Unternehmen misslingt, und sie und ihre Freundin werden zum nächsten Polizeiposten gebracht und verhört. Statt aber bestraft zu werden, verliebte sich der Polizeivorgesetzte in die junge behinderte Dame, spendete beiden ein nobles Nachtessen und besuchte sie später in Zürich.
Sei es als junge Erzieherin wo sie auf dem Sonntagsspaziergang eine Schülerin verliert die sie dann in panischer Angst sucht und endlich wohlbehalten im Gottesdienst der Kirche findet, wo das Kind andächtig dem Orgelspiel lauscht. Sei es beim unerwarteten Besuch des Schulinspektors, der sie anfänglich dutzt und als tüchtige Schülerin lobt und erst später merkt, dass er es mit der Lehrerin zu tun hatte. Oder noch später als Leiterin einer anthroposophisch orientierten heilpädagogischen Schule, wo sie viel Verantwortung zu tragen hatte und einen vorbildlich offenen Gedankenaustausch pflegte. Immer geht von ihr ein beispielhafter Lebensoptimismus aus. Ihr Humor hat etwas Befreiendes der nur Menschen eigen ist, die auch über sich zu lächeln gelernt haben.
Pia Hedigers facettenreich und flüssig geschriebene Lebenserinnerungen sind eine Bereicherung für alle Leserinnen und Leser. Man lernt eine ungewöhnliche Frau mit einer ausserordentlichen Willenstärke und Reife kennen. Und natürlich erfährt der Leser auch, wie es mit der Frage "Ist Ihre Nase in der Mitte?" steht.
Hans Egli (Besprechung auf der Website der Konferenz für Heilpädagogigk und Sozialtherapie www.khsdornach.org)

 


Weiß auf Schwarz

Ein Bericht
von Ruben Gonzalez Gallego

Buch-Cover

Schirmer-Graf Verlag, 224 Seiten
ISBN 3-86555-004-5; 17,80 Euro

Rezension:
Der Autor, geboren 1968 in Moskau, berichtet über seine Kindheit. Die Vermutung liegt nahe, dass dies wieder eine der Biographien sein könnte, die zur Zeit den Markt überschwemmen. Nein! Dieses Buch ist anders und mehr als eine Biographie. Es berichtet von einem Helden des Alltags, der weder Arme noch Beine noch Eltern zur Lebensunterstützung hat. Stationen seines Lebens sind Kinderheime, Krankenhäuser und das Altersheim, in dem erst Menschen ab 18 Jahren aufgenommen werden, da dort auch nur Menschen ab 18 Jahren sterben dürfen.
Der Autor - der den Leser gleich auf dem Cover entgegenblickt - berichtet von vielen kleinen positiven Erfahrungen, die aber das Grauen der Umgebung um so mehr ahnen lassen. In kurzen Episoden in nicht chronologischer Reihenfolge gewährt Gallego dem Leser Einblicke in eine unvorstellbare Welt. Dieser Bericht ist spannend, erschütternd und faszinierend. Stilistisch prägnant und punktgenau mit treffsicherer und tiefgründiger Wortwahl. Inhaltlich wird dem Leser der Alptraum eines Lebens portionsgerecht, gut verträglich und doch eindringlich geschildert. Gallego verleiht dem großen Schweigen über das Dasein von Menschen mit Behinderung in der ehemaligen Sowjetunion eine Stimme. Die "Heile Welt" des Kommunismus wird ad absurdum geführt. Es fällt schwer das Buch wieder aus der Hand zu legen.
Nach den vielen Einblicken, die letztendlich nur Momentaufnahmen eines intensiven Lebens sind, bleiben viele offene Fragen, die auf eine baldige Fortsetzung hoffen lassen.
D. Wolf-Stiegemeyer (www.muetter.besondere-kinder.de)

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